
Kaltes Klacken der Äxte auf Stein. Tagelang, wochenlang nur dieses Geräusch. Die Bergleute arbeiteten sich im Halbdunkel voran. Dann endlich, von Ferne, ein neuer Klang.
Klopfen – aber nicht das der eigenen Äxte. Kam es von rechts oder links durch das Gestein?
Schließlich brach die Felswand auf. Fast wären die Äxte aneinandergeschlagen! Die Truppe von Süden stieß auf das Team von Norden. Lachende Gesichter, zugleich stürzte eine Menge Wasser durch die neu entstandene Öffnung. Der Tunnel hatte seinen Zweck erreicht.
So ähnlich muss es zugegangen sein ungefähr 700 vor Christus in Jerusalem. König Hiskia kannte die politische Großwetterlage. Eine gewaltige Streitmacht aus Assyrien war im Anmarsch. Es galt, die Zeit zu nutzen und Jerusalem zu sichern.
Damit bei einer Belagerung das Wasser nicht ausging, musste das Quellwasser von außerhalb der Stadtmauer in die Stadt geleitet werden. „Als Hiskia merkte, dass Sanherib auch Jerusalem angreifen wollte, beriet er sich mit seinen führenden Männern und den erfahrensten Kriegern, und sie beschlossen, die Quellen vor der Stadt zuzuschütten.“ (2. Chronik 32,2+3) „Wie er [Hiskia] einen Teich baute und einen Tunnel grub, um die Stadt mit Wasser zu versorgen, sind im Buch der Geschichte der Könige Judas beschrieben.“ (2. Könige 20,20) Dieser Wassertunnel wurde 1838 wiederentdeckt. Man kann ihn noch heute als Tourist begehen.
Weil die Zeit knapp war, trieben zwei Trupps gleichzeitig von beiden Seiten den Stollen voran. Die Kunst war, sich dann in der Mitte und auf gleicher Höhe zu treffen. Der Tunnel verläuft nicht geradlinig, sondern ist seltsamerweise kurvig. Früher nahm man an, die Arbeiter wollten vermeiden, sich durch alte Königsgräber zu meißeln, die im Fels sind. Oder man vermutete, der Tunnel sei der natürlichen Gesteinsstuktur gefolgt. Vielleicht aber kommt die Bogenform auch von den Kurskorrekturen während der Arbeit. Neuen Forschungen zufolge versuchten die Bauarbeiter mittels akustischer Signale, ihre Position jeweils zu bestimmen. Mehrfach gaben sie die ursprüngliche Peilung auf und gruben in eine andere Richtung weiter – einige „tote“ Stollen bezeugen dieses Verfahren.
Als sie schließlich in Hörweite waren, konnten sie gezielt aufeinander zu graben. Nach dem Durchbruch meißelte man eine Inschrift in die Felswand, die über die Vorgehensweise berichtet – und die Begeisterung, es geschafft zu haben, klingt noch heute aus den alten hebräischen Buchstaben (siehe Kasten „Die Siloah-Inschrift“ rechts).