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Rache bis ins vierte Glied? Über eine missverständliche Bibelstelle des Alten Testaments und die Frage, was Gott an den Generationen tut.
Gott verfolgt die Schuld der Väter an den Söhnen und Enkeln, an der dritten und vierten Generation.“ Meine erste Erinnerung daran, wie jemand diesen Bibeltext belastend missverstanden hat, führt mich zu einer Frau, die ein Leid in ihrer Familie erklären wollte. Es sei da bestimmt etwas bei ihrer (jetzt verstorbenen) Großmutter gewesen, das sie jetzt ausbaden müssten. „Straft Gott nicht bis ins dritte und vierte Glied?“, fragte mich die fromme Frau mit ganzem Ernst. Leichtfertig möchte ich die Aussage von 2. Mose 34,6+7 nicht wegwischen, aber mit genauso großer Ernsthaftigkeit mich auf die Suche machen, wie diese Bibelstelle zu verstehen ist. Dabei möchte ich nicht nur zeigen, wie befreiend ich den Text verstehe, sondern auch, welche anderen Möglichkeiten der Deutung es gibt und wie ich zu meinem Verstehen gekommen bin.
Zum größeren Zusammenhang
Die Kapitel 32 bis 34 des Zweiten Mosebuchs gehören zu den Gipfeln des Alten Testaments: Die Erzählung stellt lebendig vor Augen, wie Gott einen Bund mit seinem Volk stiftet. Gott erwählt sein Volk und Israel steht damit in einer stabilen Grundbeziehung zu Gott. Die Steintafeln machen anschaulich, wie Gott seinem Volk Weisungen für das Leben, die „Zehn Worte“ (die wir die Zehn Gebote nennen) durch seinen Mittler Mose übergibt. Während Mose auf dem Berg Sinai den Bundesschluss Gottes erfährt und die Tafeln von Gott bekommt, fordert unten das Volk Aaron gleichzeitig auf, ein Götterbild herzustellen, das ihnen vorausziehen soll. Das „Goldene Kalb“ ist sprichwörtlich für eine Abkehr von Gott geworden – und zwar während Gott gerade die größte denkbare Bindung zu seinen Erwählten eingehen möchte. Anschaulich wird diese Enttäuschung dadurch, dass Mose beim Anblick des Tanzes um das Goldene Kalb die ersten Tafeln zerschmettert.
Was hier geschildert wird, ist eine der Gründungserzählungen Israels. Realistisch erzählt die Überlieferung von der Menschlichkeit des erwählten Volkes, das nicht besonders vollkommen ist, sondern „halsstarrig“ (2. Mose 32,9). Die fast hundert Verse von 2. Mose 32–34 fassen das Undenkbare – den Abfall von Gott (die Braut turtelt quasi bei der Hochzeit mit einem anderen Bräutigam) – und das Dankbare (der Bräutigam beginnt mit dem Ringwechsel noch einmal) in Worte: das Geschenk der zweiten Chance. Ein Berg dieses „Gebirges“ soll nun im Zentrum der Betrachtung stehen: 2. Mose 34,1-9. Besonders beachtenswert sind die Verse 6 und 7.
Die zweiten Tafeln – die zweite Chance
Die Geschichte Gottes mit seinem Volk ist angesichts einer schweren Sünde (2. Mose 32,7 spricht von einer Schande) nicht zu Ende, sondern der Text erzählt von einem Gott der zweiten Chance. Anschaulich wird das dadurch, dass die zerschmetterten Tafeln durch ein zweites Paar ersetzt werden. Als Mose ein zweites Mal vom Berg der Offenbarung herabsteigt, stellt sich der Gott Israels in besondererWeise vor: „JHWHist JHWH. Ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und von großer Huld und Treue.“ (Übersetzung von ChristophDohmen).Die vier Konsonanten JHWH sind der Eigenname Gottes und werden in altkirchlicher Tradition „Jahwe“ ausgesprochen – im Judentum wird der Name schon sehr früh aus Respekt vor derHeiligkeit Gottes nicht ausgesprochen, sondern beim Lesen durch andere Gottesbezeichnungen ersetzt.Wenn einige Bibelausgaben „HERR“ in großen Buchstaben schreiben, dann handelt es sich immer umden EigennamenGottes, wie er sich in der Erzählung von der Gottesoffenbarung amDornbusch vorstellt (2.Mose 3).
Die ungewöhnliche Formulierung „JHWH ist JHWH“ von 2. Mose 34,6 erinnert an die Selbstvorstellung Gottes in 2. Mose 3. Hier ist die Namensoffenbarung zu finden, dass Gott „Ich werde sein, der ich sein werde“ heißt. Und wie Gott ist, zeigt sich besonders in dieser zugespitzten Situation am Berg Sinai.
13 Eigenschaften Gottes
In jüdischer Tradition werden in 2. Mose 34,6+7 verschiedene Eigenschaften oder Attribute Gottes genannt. Der jüdische Gelehrte Samuel David Luzzato (1800-1865) zählt 13 Eigenschaften, und zwar so: 1. barmherziger Gott, 2. gnädig, 3. langmütig, 4. von großer Huld, 5. und Treue, 6. der tausend (Generationen) Huld bewahrt, 7. der wegnimmt Schuld, aber nicht einfach freispricht, 8. der wegnimmt Frevel, aber nicht einfach freispricht, 9. der wegnimmt Sünde, aber nicht einfach freispricht, 10. der die Schuld der Väter bei den Söhnen heimsucht, 11. der die Schuld der Väter bei den Kindeskindern heimsucht, 12. der die Schuld der Väter bei der dritten (Generation) heimsucht, 13. der die Schuld der Väter bei der vierten (Generation) heimsucht.
Wir haben es hier nicht mit einer x-beliebigen Bibelstelle zu tun. Hier ist nicht von irgendwelchen von unzähligen Eigenschaften Gottes die Rede. Sondern: 2. Mose 34,6 begegnet uns vielfach in ähnlicher Weise im Alten Testament und ist etwas Typisches für die Art, wie Gott hier vorgestellt wird. Häufig begegnet diese „Gnadenformel“ jeweils in anderen Zusammenhängen. Lesen Sie dazu einmal Joel 2,13; Jona 4,2; Psalm86,15; Psalm 103,8; Psalm 145,8 oder Nehemia 9,17! In Psalm 103 wird in Gebetssprache ausgedrückt, was die Erzählung vomSinai über Gott sagen will. Insgesamt gibt es mehr als zwanzig Varianten dieser Bibelstelle.Manche Ausleger sehen den Ursprung dieser Formulierung in 2. Mose 34,6+7. Daher nehmen auch meine Gedanken hier ihren Ausgangspunkt.
Barmherzig und gnädig und vergebungsbereit
Mit Barmherzigkeit wird im Alten Testament gerne die liebevolle Fürsorge von Vater undMutter für ihre Kinder bezeichnet und mit Gnade die Güte eines Vorgesetzten für seinen bittenden Untertan. Wenn Gott barmherzig und gnädig handelt, dann ist er fürsorglich und gütig und kennt Nachsicht. An diesem Textabschnitt ist auffällig, dass nach der obigen Zählung die ersten neun Eigenschaften Gottes betonen, wie zugewandt und fürsorglich und vergebungsbereit und treu Gottes Handeln erfahren wird.
Vielleicht stolpert man leicht darüber, dass von „Schuld“, „Frevel“ und „Sünde“ gesprochen wird und damit drei unterschiedliche Begriffe für das aufgezählt wird, wasman imDeutschen auch allgemein Sünde nennen kann. Es sind tatsächlich drei unterschiedliche hebräische Begriffe für Vergehen von Menschen hier genannt: „Schuld“ bezeichnet etwas Gekrümmtes oder Verdrehtes, es meint den Schaden oder die Zerstörung, die man anrichtet und die einen dann auch selbst bedrohen. „Frevel“ meint ein Verbrechen oder Rechtsbruch und „Sünde“ etwas Verfehltes, das Abweichen vomrichtigen Lebensweg und das Verfehlen eines aufgetragenen Ziels. Die Aufzählung will wohl gar nicht diese Nuancen auseinanderhalten, sondern sie zusammen denken: Jede Schuld kann von Gott vergeben werden. Das ist typisch für den Gott Israels, dass er bereit und fähig ist, Schuld zu vergeben! Und die Geschichte im Zusammenhang vomGoldenen Kalbmacht das anschaulich.
Der Anstoß von Vers 7
Durch die bisherigen Ausführungen soll dem Anstoß von Vers 7 keineswegs ausgewichen werden. Wer die Eigenschaften Gottes von Vers 6 als Vorzeichen für Vers 7 liest, stößt auf einen nachsichtigen und liebevollen Gott. Aber Vers 7 ist missverständlich: Ein Vergleich der deutschen Übersetzungen zeigt, wie unterschiedlich der Vers aufgefasst wird. Übersetzung bedeutet ja, wie eine Fähre von einer Kultur und Denkweise in eine andere Kultur überzusetzen und hoffentlich anzukommen. Drei Beispiele zeigen die unterschiedlichen Verständnisweisen:
„Ich lasse Menschen meine Liebe erfahren über Tausende von Generationen. Ich vergebe die Schuld und die Bosheit derer, die sich gegen mich aufgelehnt haben, doch ich strafe auch. Wenn jemand mich verachtet, dann muss er die Folgen tragen, und nicht nur er, sondern auch seine Kinder, Enkel und Urenkel!“ (Hoffnung für alle)
„Ich erweise Güte über Tausende von Generationen hin, ich vergebe Schuld, Verfehlung und Auflehnung; aber ich lasse auch nicht alles ungestraft hingehen. Wenn sich jemand gegen mich wendet, dann bestrafe ich dafür noch seine Kinder und Enkel bis in die dritte und vierte Generation.“ (Gute Nachricht)
„... der Gnade bewahrt Tausenden, der Schuld, Vergehen und Sünde vergibt, der aber nicht ungestraft lässt, sondern die Schuld der Vorfahren heimsucht an Söhnen und Enkeln, bis zur dritten und vierten Generation.“ (Zürcher Bibel 2007)
Die Bedeutung dieses Satzes hängt auch an dem Verb, das oben mit „Folgen tragen“, „bestrafen“ oder „heimsuchen“ übersetzt wird. Es heißt im Hebräischen pakad und hat als Grundbedeutung „genau beobachten“, wobei „oft das Urteil oder die Entscheidung, die aus der Beobachtung erfolgt, mit einbegriffen wird“ (G. André im Theologischen Wörterbuch zum Alten Testament, 1989). Gott überwacht demnach, ob nach seinen Weisungen gelebt wird und ob Menschen aus Erfahrungen der Schuld der anderen Volks- und Familienmitglieder lernen. Das deutsche Wort „heimsuchen“ ist im Deutschen (wie das Äquivalent im Hebräischen) doppeldeutig, denn es kann mich Glück oder Unglück „heimsuchen“.
Unendliche Güte und menschlich fassbare Strafe
Vor allem stehen in 2. Mose 34,7 tausend gegenüber vier Generationen. Wer hier nachrechnen möchte, dem wird wohl schwindelig. Denn wenn vor hunderten Generationen meine Vorfahren Gott treu waren und ich davon profitieren sollte, in welchem Verhältnis stehen dann die drei Generationen vor mir? Dieser Text ist offensichtlich zum Nachrechnen und Verrechnen von Lohn und Strafe nicht geeignet. Hier wird eine Gegenüberstellung gewagt: unendlich gegenüber einem menschlich überschaubaren Maß. Es kann uns als Leserin und Leser der Heiligen Schrift nicht darum gehen, die Strafgerechtigkeit Gottes zu übertünchen oder kleinzureden – wir wollen den Text verstehen und der stellt zwei ganz unterschiedliche Perspektiven vor Augen, wenn es einerseits um „Huld“ und andererseits um Konsequenzen von Schuld geht. Dieses Einerseits-Andererseits ist aber nicht fünfzig zu fünfzig, sondern unendlich zu vier. Es hilft, den Text zu verstehen, wenn man ihn nicht als Zahlenrätsel begreift.
Die Bibelübersetzung „Hoffnung für alle“ trifft die Logik des Textes sehr gut, wenn sie von den „Folgen“ spricht, die alle Betroffenen tragen müssen, wenn einer in der Großfamilie schuldig wird. Unter der dritten und vierten Generation werden deutsche Leser im 21. Jahrhundert etwas anderes verstehen als Menschen zur Zeit der Bibel, denn im Alten Orient war es üblich, dass bis zu vier Generationen unter einem Dach (oder in einem Nomadenzelt) lebten. Von daher sind „bis ins dritte und vierte Glied“ keine strikt nacheinander folgenden Generationen, die wenig voneinander wissen, sondern Menschen, die alle zu einer Großfamilie gehören. Da bleibt die Schuld des einzelnen nicht ohne Folgen für andere. Das können bis heute Menschen als manchmal bittere Lebenserfahrung bezeugen, dass sie die Vergehen ihrer Eltern miterleiden mussten. Manches Opfer wird auch zum Täter, weil es nicht gelernt hat, anders Konflikte zu lösen, Macht auszuüben oder Bedürfnisse zu stillen als die biologischen oder sozialen Eltern und Großeltern.
Schuld bleibt nicht ohne Folgen – daran wird Israel und werden wir mit diesem Bibelvers erinnert. Die Folgen sind nicht auf magische oder okkulte Weise wirksam, sondern zum Schuldigwerden gehören Konsequenzen. Ein Strafkatalog über vier Generationen kann damit nicht gemeint sein, da ja unmittelbar vorher davon gesprochen wird, dass Gott barmherzig, gnädig und voller Vergebung ist. Doch zur Vergebung gehört auch diese Lebenserfahrung: Auch bei einem wiederhergestellten Verhältnis zu Gott und zu anderen Menschen sind die Folgen der Verfehlung noch spürbar. Sie sind nicht immer sofort aufgehoben oder aufhebbar. Israel erzählt, dass die Generation des Goldenen Kalbs zwar das verheißene Land zu sehen bekommt, aber nicht betritt – so gesehen spiegeln sich hier nachhaltige Barmherzigkeit und maßvolle Konsequenz Gottes.
Nach dieser Spurensuche kann ich der Frau, an die ich mich eingangs erinnerte, zusagen, dass sie keine verborgenen Strafen Gottes für die Schuld anderer befürchten muss. Und gemeinsam wissen wir: Soziale Beziehungen hinterlassen ihre biografischen Spuren. Das kann keiner einfach abschütteln. Aber mit den Folgen zu leben und trotz ihnen heil zu werden – auch dabei hilft Gott gerne.
Dr. Michael Rohde ist Professor für Altes Testament am Theologischen Seminar Elstal (FH).