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Paulus, ein harter Hund?: Über schroffe, zarte und faire Seiten des Apostels

 


Bild:Rembrandt: Paulus im Gefängnis; 1627

Paulus – war das nicht der autoritäre Gemeinderegent? Der, der die Frauen mundtot machte und den Jesus-Aufbruch in starre Dogmen umformte? Ein genauerer Blick zeigt auch andere Charakterzüge.

Viele Christen können mit Paulus wenig anfangen. Sie werden nicht richtig warm mit ihm. Gewiss, Gott spricht durch ihn und was von ihm in der Bibel steht, soll man glauben. Aber es klingt oft so schroff und so von der hohen Warte dessen gesagt, der es besser weiß und der Recht behalten muss. Tatsächlich: Paulus macht es einem nicht immer leicht, sich seinen Gedanken anzuvertrauen. Er kämpfte in seinen Gemeinden leidenschaftlich für die Wahrheit. Und wenn’s drauf ankam, wurde er scharf: „Nicht einmal wir selbst oder ein Engel aus dem Himmel darf euch irgendetwas als Evangelium verkündigen, das dem widerspricht, was wir euch gebracht haben. Wer das tut, der soll verflucht sein!“ Und diesen Fluch spricht er gleich darauf noch einmal aus (Galater 1,8–9). Wenn das nicht autoritär ist!

Dass er Gegner bekämpft, das macht er sogar zu seinem Programm: „Die Waffen unseres Kampfes sind nicht menschlich, sondern es sind die mächtigen Waffen Gottes, geeignet zur Zerstörung von Festungen. Mit ihnen zerstören wir Gedankengebäude und jedes Bollwerk, das sich gegen die Erkenntnis Gottes erhebt, wir nehmen jeden solcher Gedanken gefangen und unterstellen sie dem Christus. Wir stehen bereit, jeden Ungehorsam zu bestrafen, sobald euer Gehorsam vollendete Tatsache ist.“ (2. Korinther 10,4–6) Überhaupt der Gehorsam! Paulus stellt nicht nur Christus als Vorbild heraus, sondern stellt sich selbst gleich daneben – oder sogar davor? „Nehmt mich zum Vorbild, so wie ich Christus zum Vorbild nehme!“ (1. Korinther 11,1)

Und die Frauen? Paulus selbst war nicht verheiratet – höchst merkwürdig für einen jüdischen Rabbi. Hatte er daher ein gebrochenes Verhältnis zu Frauen? Verbot er ihnen nicht das Reden im Gottesdienst und predigte die Unterordnung?

Das Bild scheint vollständig zu sein: Ein Dogmen- Verfechter, der Freude an autoritären Strukturen hatte und diese auch für seine Zwecke nutzte – selbst wenn es ehrenvolle und an Jesus orientierte Zwecke waren.

Sich dem Gesprächspartner ausliefern

Nun gibt es allerdings lange Passagen in Paulus’ Briefen, in denen er gerade nicht auf seine Vormachtstellung pocht. Seine Gesprächspartner dominieren ist das Letzte, was er will: „Wir sind nicht Herren über euren Glauben, sondern Helfer zu eurer Freude, denn im Glauben steht ihr ja fest.“ (2. Korinther 1,24) Das könnte zwar eine salbungsvolle Absichtserklärung sein, um die Gemeinden in Sicherheit zu wiegen und dann schnell über den Tisch zu ziehen. Doch die Art, wie Paulus im Brief „auftritt“, beglaubigt diesen Satz. Der Marburger eologe Wolfgang Harnisch hat Paulus’ Rhetorik analysiert und findet in ihr durchaus eine „Sprache der Liebe“. „Im Unterschied zu anderen … degradiert Paulus die Briefadressaten nicht zu Befehlsempfängern“, schreibt er. „Darum verzichtet er auf jede Form von Gewaltausübung, auch auf die durch sprachliche Manipulation.“ Das lässt sich an vielen Stellen der Argumentationen des Apostels nachprüfen. Kaum einmal droht er. Meist wirbt er um Einsicht. Das ist natürlich ein riskantes Unternehmen, denn man hat nicht mehr unter Kontrolle, ob dieses Werben angenommen wird. Doch dieses Risiko geht Paulus ein. Er „liefert sich … an das Gewissen der Adressaten seines brieflichen Werbens aus. … So bindet er sich an das Urteil seiner Briefpartner und lässt es darauf ankommen, dass sie ihn als ‚bewährt‘, das heißt als vom Gekreuzigten autorisiert, erkennen. … Denn was der Apostel zu verstehen gibt, bleibt auf die zustimmende Stellungnahme der Angeredeten angewiesen.“ (2. Korinther 4,2)

Paulus liefert sich aus. „An diesem Zug der Selbstpreisgabe des Redenden zeigt sich ein Wesensmerkmal paulinischer Rhetorik.“ (Harnisch) Und was ist dann mit der Verfluchung seiner Gegner? Nun, man muss einmal genau hinschauen. Es geht Paulus hier – im Galaterbrief – nicht um sei - ne Person und nicht seine Art zu predigen, sondern um den grundlegenden Inhalt: ob sich alles an Jesus Christus entscheidet oder nicht. Dieser Schlüsselfrage unterwirft er sich selbst auch. „Nicht einmal wir selbst“ dürfen etwas anderes verkündigen. Paulus schließt sich in seinen Fluch ein. So werden die – zugegebenermaßen barschen – Worte glaubwürdig.

FSK: Freiwillige Selbstkontrolle

Paulus ist sich seiner Möglichkeiten sehr wohl bewusst. „Wir hätten als Apostel des Messias mit Autorität auftreten können.“ Doch seine Wahl war eine andere. „Wir sind behutsam mit euch umgegangen wie eine Mutter, die liebevoll für ihre Kleinen sorgt“ (1. thessalonicher 2,7). Bemerkenswert, dass Paulus nicht – wie sonst oft – das Bild eines Vaters wählt, sondern zunächst das der zärtlichen Mutter. Nicht gerade eine Vorstellung, die in der antiken Kultur geeignet wäre, um Autorität zu schaffen. Paulus verzichtet freiwillig auf die Möglichkeit, Anordnungen zu geben. Und auch wenn er wenige Verse später doch noch das Bild vom Vater verwendet, fehlt jeder Befehlston.

Ein väterliches Verhältnis hatte Paulus auch zu seinem jungen Mitarbeiter Timotheus. Ganz klar: Der Apostel hat Vorsprung – im Alter, in der Erfahrung, in der Nähe zu Christus. Und doch ist es geradezu positiv entlarvend, ihm über die Schulter zu schauen, wenn er über sein Verhältnis zu Timotheus schreibt. Er möchte ihm bei der Gemeinde von Philippi ein gutes Zeugnis ausstellen. So fängt er seinen Satz an: „Er aber hat sich bewährt, das wisst ihr: Wie ein Kind dem Vater, so hat er … gedient.“ Doch wem hat Timotheus gedient? Dem Vater. Also logischerweise Paulus, oder? Nein – gerade nicht! Dies ist der vollständige Satz: „Wie ein Kind dem Vater, so hat er mit mir zusammen dem Evangelium gedient“ (Philipper 2,22). Paulus bricht die Logik des Satzes auf, schwenkt noch während des Formulierens um, ändert den gedanklichen Bezug – von sich weg, hin zum Evangelium. Dem haben beide gedient, „Vater“ und „Sohn“, Seite an Seite.

Zweite Chance für Versager

In demselben Briefabschnitt kümmert sich der Apostel um noch einen anderen Mitarbeiter: Epaphroditus. Der war von der Gemeinde Philippi freigestellt, um mit Paulus zusammenzuarbeiten und Gemeinden im Lande aufzubauen. Sicher hatten sie große Erwartungen an Epa phroditus geknüpft. Doch der konnte nicht mit Erfolgsmeldungen heimkehren, vielmehr war er krank geworden. Paulus baut ihm nun eine goldene Brücke nach Hause: Sie sollen nicht etwa enttäuscht sein, sondern ihn in allen Ehren aufnehmen. Selbst wenn er das Erhoffte nicht gebracht hat – man soll ihn nicht fallen lassen wie eine heiße Kartoffel. Wieder einmal eine einfühlsame Fürsorge von Paulus.

Dabei hatte er selbst doch einmal gerade dies gemacht – einen ängstlichen Mitarbeiter fallen gelassen! Johannes Markus war den Strapazen einer Missionsreise nicht gewachsen gewesen und war vorzeitig abgereist. So einen wollte Paulus kein zweites Mal bei sich haben! Von einer weiteren Chance war keine Rede! Ja, Paulus war immer wieder auch hart. Das Unbehagen vieler Christen ist nicht aus der Luft gegriffen. Wenigstens nachträglich deuten die Paulusbriefe an, dass er sich irgendwie wieder versöhnt hat – später erwähnt er Johannes Markus jedenfalls ohne Bitterkeit (Apostelgeschichte 13,13; 15,39–41; Kolosser 4,10).

Gesellschaftlich progressiv

Wenn es in der damaligen Gesellschaft ein anerkanntes Autoritätsgefälle gab, dann zweifellos das zwischen Hausherrn und Sklaven. Die Sklaverei war eine selbstverständlich anerkannte Institution. Ob Paulus mit dem Gedanken gespielt hat, die Autorität der Hausväter für die Gemeinden zu nutzen? Die Gemeinden damals waren ja nicht sehr groß – es waren Hausgemeinden: oft abhängig davon, dass ein wohlhabender Mensch ein genügend großes Haus für die Versammlung zur Verfügung stellte. Nun konnte Paulus nicht überall sein. Was läge näher, als den Hausherrn als geistlichen Leiter zu installieren? Wenn der „Pater familias“ – das Familienoberhaupt – sowieso über Frau, Kinder und Sklaven zu bestimmen hatte, konnte in diesem schützenden Windschatten nicht gleich auch noch die kleine Gemeinde segeln?

Doch Paulus geht anders vor und legt eine ausgesprochen progressive Haltung an den Tag. In seinen Ermahnungen sagt er den Sklaven wohl deutlich, dass sie sich ihren Herren unterordnen sollen. Doch in gleicher Weise ermahnt er die Sklavenhalter (und das öffentlich – die Briefe wurde ja vor der ganzen Gemeinde vorgelesen): Auch sie haben einen Herrn im Himmel – gemeinsam mit ihren Sklaven denselben Herrn! Paulus zeigt, dass er mit dem scharfen Instrument namens Autorität sehr sensibel umzugehen weiß.

Im Kolosserbrief treibt er das Spiel noch weiter, er wird schon fast subversiv: Die Herren sollen ihren Sklaven „Gleichheit“ erweisen (Kolosser 4,1). Im Griechischen steht ein Wort, das in der antiken Philosophie nur die Freundschaft unter Gleichgestellten beschreibt – immer nur innerhalb derselben sozialen Schicht. Freundschaftlicher Umgang nach „unten“, eine gesellschaftliche Etage tiefer, wäre undenkbar gewesen. Doch genau so verwendet Paulus nun den Begriff „Gleichheit“! Vornehmen heidnischen Gästen, die im Gottesdienst anwesend waren und das hörten, mögen sich die Fußnägel aufgerollt haben.

Der Single und die Frauen

Und was ist mit Paulus, dem Frauenfeind? Um den richtig zu begreifen, muss man zunächst einmal hören, was andere im römischen Reich über Männer und Frauen dachten. Der römische Philosoph Plutarch lebte etwas später als Paulus, aber ist sicherlich ein zuverlässiger Sprecher seiner Zeit. In einer moralischen Abhandlung liest man:

„So wie bei zweistimmigem harmonischen Gesang die tiefere Stimme die Melodie führt, so wird in einem vernünftigen Haushalt jedes Geschäft von beiden in Übereinstimmung verrichtet, und doch leuchtet die Herrschaft und Entscheidung des Mannes hervor. … Eine Frau hat keine eigene Gefühlswelt zu haben; sie muss in Ernst und Scherz, in Tiefsinn und Lachen mit ihrem Mann gehen, so wie nach den Lehren der Mathematiker Linien und Flächen sich nur mit den Körpern, nicht für sich allein bewegen. … Eine Frau darf nur mit ihrem Mann gemeinsame Freunde, aber keine eigenen für sich haben. Die ersten und vornehmsten unter den Freunden aber sind die Götter. Sie darf keine anderen Götter verehren und anerkennen, als an die ihr Mann glaubt, das ist ihre Pflicht.“

Das schreibt Plutarch in einer Schrift mit dem Titel „Von der Ruhe des Gemüts“ – und man fragt sich, wessen Gemüt hier bequem und ruhig wird … Paulus jedenfalls klingt anders! Auch er will, dass die Frauen sich ihren Männern unterordnen. Aber die Männer sollen sich den Frauen hingeben – also eigene Interessen herunterstufen, so wie Christus es für die Gemeinde auch getan hat. Und der Leitsatz lautet: gegenseitige Unterordnung – nicht nur einseitig die Frau unter den Mann (Epheser 5,21–33).

An anderer Stelle kommt Paulus auf Sex zu reden und spricht den Ehepartnern das Recht über den eigenen Körper ab. Vielmehr überträgt jeder das Recht auf den andern. Und zwar ganz symmetrisch – auch der Mann gibt sein Recht ab an die Frau (1.Korinther 7,4). Es ist nicht übertrieben, das revolutionär zu nennen. Plutarch jedenfalls sah es ganz anders: „Ein Mädchen gab auf die Frage, ob sie schon mit einem Mann zu tun gehabt habe, zur Antwort: ‚Nein, nur ein Mann mit mir.‘ Entsprechend muss sich, scheint mir, eine Ehefrau verhalten; wenn der Mann anfängt, darf sie sich nicht weigern, noch übel gebärden; sie selbst darf aber niemals anfangen. Das erste ist übermütig und lieblos, das zweite dirnenhaft und frech.“ Nur dass keine Verwechslung aufkommt: Das sagt nicht die Bibel!

Paulus selbst blieb aus Überzeugung Single. Aber wenn es darum ging, Gottes Reich zu fördern, hat er kollegial mit Frauen zusammengearbeitet. Ihren Einsatz für Gottes Herrschaft hat er anerkannt – der Schluss des Römerbriefs, mit den vielen Grüßen, spricht eine deutliche Sprache. Sie sollten die Gottesdienste nicht dominieren. Aber einzelne Männer sollten die Zusammenkünfte ebenfalls nicht dominieren. Wenn Paulus anordnet, dass Frauen im Gottesdienst nicht „reden“ sollen (1. Korinther 14,34), dann meint er damit das laute Dazwischenfragen. Dass Frauen im Gottesdienst prophetische Worte aussprachen, hat Paulus ohne Probleme anerkannt (1. Korinther 11,2).

Der Leitwolf

Paulus ist nach wie vor ein kantiger Typ. Die Unebenheiten seines Charakters kann man nicht schön reden. So wie er sich als Christenverfolger mit aller Kraft gegen die Jesusleute gewandt hatte, so setzt er sich nun rückhaltlos für Christus ein. Sein Charakter ist geheiligt, aber nicht ausgetauscht worden und seine Bekehrung war keine Gehirnwäsche.

Doch zu allen Zeiten hat Gott fehlerhafte, auch einseitige Menschen eingesetzt. Mose, David, Hiskia, Jeremia, Martha, Evodia und Syntyche: Alle hatten ihre Schatten. Und alle hatten etwas von Gott herzugeben, das so nur sie geben konnten.

Und Paulus? Der kantige Single war sanfter und fairer als man gemeinhin annimmt. Ein harter Hund? Wohl eher ein Leitwolf. Manchmal ein „einsamer Wolf“ – aber meist eingebettet in eine Gemeinschaft, wie die vielen „Wir“-Formulierungen seiner Briefe zeigen.

Leitwölfe – übrigens sind sie nach neuem Forschungsstand gar nicht die Alphatiere, die Konkurrenten rigoros wegbeißen. Langzeitbeobachtungen an freilebenden Wölfen haben ein vielgestaltiges soziales Gefüge gezeigt, in dem die Leit tiere zwar die vorrangige Führungsaufgabe erfüllen, aber nur situationsbezogen autoritär auftreten. In diesem Sinne ist Paulus wirklich kein harter Hund.

Dr. Ulrich Wendel ist leitender Redakteur von Faszination Bibel.


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